Wesen und Eigenart
Flehmen - eine effektive Form, Gerüche zu analysieren.
Ziegen haben einen ausgeprägten Geschmacks- und Geruchssinn. Neben der Reichschleimhaut dient auch das sog. jacobsonsche Organ zur Analyse von Gerüche. Dabei handelt sich um einen kleinen Kanal hinter den Schneidezähnen im Gaumen bis zur Nasenhöhle. Die Geruchsaufnahme mit dem jacobsonschen Organ (sog. Flehmen), ist am geöffneten Maul und an der Kopfhaltung erkennbar.
Ziegen können süss, sauer, salzig und bitter unterscheiden. Gegenüber Bitterstoffen und pflanzlichen Gerbstoffen (Tanninen) haben Ziegen eine erhöhte Toleranz, weshalb zum Beispiel Tannenäste gerne verzehrt werden. Eine besondere Vorliebe besteht für alles Salzige. Salz- und Minerallecksteine sind deshalb nicht nur gesund, sondern auch sehr beliebt.
Ziegen sind Fluchttiere und deshalb stets auf der Hut. Dank ihren horizontalen Pupillenschlitzen verfügen sie über ein weites Gesichtsfeld und damit eine ausgezeichnete Rundumsicht (ca. 270°). Die hauptsächlich vertikal erfolgende Verengung der Pupille ermöglicht der Ziege auch an sonnigen Tagen gute Sichtverhältnisse. Im Vergleich zum Menschen sehen Ziegen hingegen im Dunkeln schlechter. Sie können Farben erkennen. Das Farbsehvermögen der Ziegen ist aber gegenüber demjenigen der Menschen reduzierter und weniger intensiv.
Das Forschungsinstitut für die Biologie landwirtschaftlicher Nutztiere (FBN) in Dummerstorf untersuchte das visuelle Lernvermögen von Nutztieren mit Hilfe von Zwergziegen. Danach regieren Ziegen auf primäre Verstärker in Form einer Belohnung wie auch auf sekundäre Verstärker (Ton) und eine Kombination von beiden. Sie können sogar ähnliche Symbole zuordnen (sog. "Transferaufgaben"). Ziegen vergessen aber relativ schnell. Nach sechs Wochen müssen sie Verhaltensweisen neu lernen. Sie brauchen dann aber weniger Zeit wie das erste Mal. Das Erlernen von Aufgaben ist zwar mit Stress verbunden. Nach den Beobachtungen des Forschungsinstituts kann jedoch das Meistern von Lernaufgaben das Wohlbefinden der Tiere steigern (Quelle: www.innovations-report.de).
Der ursprüngliche Lebensraum der Vorfahren unserer Hausziegen ist das Hochgebirge. Ziegen sind deshalb wahre Kletterkünstler und erreichen für andere Tiere unerreichbare Futterstellen. Auch die Ruheplätze werden bevorzugt in einer erhöhten Position gesucht. Um ein natürliches Verhalten zu gewährleisten brauchen unsere Hausziegen genügend Klettermöglichkeiten und Liegebretter.
Die Beweglichkeit macht sie zu wahren Ausbruchskünstlern. So vermag eine Ziege nicht nur behände zu Klettern, sondern auch aus dem Stand bis 1.5 Meter zu springen. Diesem Umstand ist bei der Umzäunung genügend Rechnung zu tragen. Ziegen können auch problemlos auf die Hinterbeine stehen oder auf Bäume klettern, um an die schmackhaftesten Blätter zu gelangen. Namentlich Fruchtbäume sind entsprechend gut zu schützen.
Ziegen sind keine reinen Raufutterfresser wie zum Beispiel Rind oder Schaf, die sich hauptsächlich von Gras ernäheren. Je grösser das Nahrungsspektrum ist, desto wählerischer wird die Ziege. Sie selektiert ganz gezielt. Bevorzugt werden Blätter als Nahrung. Auf einer Weide werden deshalb zunächst ungeschützte Bäume und Sträucher „bearbeitet“, wobei junge Triebe, Blüten und Zweige vorzugsweise gefressen werden. Gerne wird auch die Rinde abgeschält, v.a. bei Apfel- oder Tannenbäumen. Sind keine Blätter vorhanden, so werden in der Regel Kräuter und Leguminosen dem Gras vorgezogen.
Ziegen sind keineswegs immer aktiv. Ebenso wichtig ist die Ruhe, um Kraft zu tanken und für das Wiederzukäuen. Sie dösen drei bis fünf Mal am Tag. Zum Wiederkäuen brauchen sie sechs bis acht Stunden. Die gefressene Nahrung wird hochgewürgt und zur besseren Verdauung nochmals gekaut.
Die natürlichen Fresszeiten beginnen in der Morgendämmerung und enden mit Einbruch der Dunkelheit. Je schlechter das Wetter ist, desto weniger wird gefressen. Nasses Gras ist nicht beliebt. Bei Regen wollen Ziegen ohnehin nur eines: einen trockenen, geschützten Unterstand! Ziegen reagieren aufgrund ihres lanolinfreien Haarkleides wesentlich empfindlicher auf Nässe wie etwa Schafe oder Rinder.
Ziegen sind Herdentiere, die in ihrer Umgebung zwingend Artgenossen brauchen. Die Einzeltierhaltung ist deshalb gemäss Tierschutzgesetz verboten. Allzu grosse Gruppen entsprechen allerdings ebenfalls nicht dem Naturell der Ziegen. Im natürlichen Herdeverband würden sich vielmehr Kleingruppen von 20 bis maximal 50 Tiere bilden.
Ziegen sind aber auch die "Freigeister" unter den Herdetieren. Sie haben - etwa im Vergleich zu den Schafen - eine grössere Selbständigkeit in der Herde. Auf der Weide bilden sie in der Regel keine geschlossene Gruppe, sondern verteilen sich gleichmässig und sind viel in Bewegung. Sie beobachten ihre Umgebung stärker. Jede Veränderung wird neugierig registriert und darauf reagiert. Schafe besitzen demgegenüber einen ausgesprochene starken Herdetrieb. Bei Gefahr rennen die Schafe meist blindlings dem Leittier nach.
Ziegen leben auch in stärkeren Rangordnungen wie die Schafe. Dementsprechend ist die Auseinandersetzung um die Vormachtstellung härter. Die Hierarchien werden mit Drohgebärden und Kampf ausgefochten. Laufstall und Futterstationen sind mit Blick auf das Hierarchieverhalten baulich derart auszugestalten, dass auch Tiere mit niederem Rang genügend Futter und Ruhe finden. Die festen Rangordnungen haben zudem zur Folge, dass die Eingliederung neuer Ziegen nur selten völlig reibungslos erfolgt. Bestandesveränderungen führen meist zu Unruhe und Aggressionen unter den Tieren. Aus diesem Grund ist eine hohe Herdenstabilität anzustreben. Umgruppierungen der Herde sollten nicht ohne Not vorgenommen werden. Die Bestandesergänzung durch eigene Nachzucht ist dem Zukauf weiblicher Ziegen vorzuziehen.

